
Montagmorgen, 8 Uhr, man sitzt im Auto auf dem Weg zur Arbeit und wird direkt begrüßt mit diesem Song: „I’m running, I’m scared tonight… (oh, oh… ohoh, oh…)“ So schön startet der Tag mit dem ESC-Ohrwurm. Ell und Nikkis „Running Scared“ überzeugte nicht nur das europäische Publikum, sondern ist dank der Kombination aus Pop und Ballade auch bei den Radiosendern beliebt. Der Song wird uns wahrscheinlich – ähnlich wie Lenas „Satellite“ im letzten Jahr – über den Sommer verfolgen und damit den Eurovision Songcontest noch lange über den Samstagabend hinaus als Gesprächsthema warm halten. Damit Ihnen nicht die Gesprächsthemen ausgehen (der Klassiker „Ich versteh‘ überhaupt gar nicht, wer für die angerufen hat“ wird ja irgendwann auch langweilig), gehen wir den drei größten ESC-Irrtümern auf den Grund – und bereiten uns dabei schon einmal mental auf das Spektakel in Baku im nächsten Jahr vor.
1. Der ESC ist ein Musikwettbewerb.
Jein. Natürlich treten beim Eurovision Songcontest verschiedene Musiker gegeneinander an – das ist aber nur vordergründig der wichtigste Punkt am Glitzerspektakel. Eigentlich ist der ESC eine Möglichkeit, das eigene Land und die eigene Kultur zu präsentieren und sich darüber auszutauschen. Als solcher ist er Teil der europäischen Kulturdiplomatie und eine höchst politische Geschichte. Dazu zwei Beispiele: Im Jahr 2009 hat Aserbaidschan (genau, das ist das Land, das in diesem Jahr gewonnen hat) geschummelt – während des armenischen Auftritts gab es ein Störsignal und die Telefonnummer, unter der die aserbaidschanische Bevölkerung für Armenien abstimmen konnte, wurde unkenntlich gemacht. Laut ESC-Regeln ein klarer Verstoß! Armenien und Aserbaidschan, Nachbarländer, liegen seit mehreren Jahren miteinander in Konflikt um die Region Bergkarabach, die in Aserbaidschan liegt, sich selbst als unabhängige Republik erklärt hat, in der aber armenisch gesprochen wird. Alles nicht so einfach. Auch sehr schön: Die Armenierin Siruscho, die in just diesem Jahr 2009 die Punkte verlas, hielt ein Klemmbrett in die Kamera, auf der ein Bild des Tatik Papik-Wahrzeichen zu sehen war – ein Symbol der Unabhängigkeit Bergkarabachs!
Der ESC ist also sehr viel mehr als nur ein Musikwettbewerb; er ist auch eine Möglichkeit, die europäische Bevölkerung auf außereuropäische Konflikte aufmerksam zu machen. Für 2012 hat Armenien seine Teilnahme übrigens abgesagt, ein Auftritt in Baku ist nicht denkbar.
2. Der ESC ist ein europäisches Musikfestival.
Ein Klassiker: „Warum ist denn Israel dabei? Die sind doch gar nicht in der EU.“ Richtig. Genauso wenig sind es Armenien, Aserbaidschan, Russland, und und und. Warum dürfen diese Länder trotzdem am EUROvision Songcontest teilnehmen? Die Antwort ist recht simpel: Weil der ESC keine Veranstaltung der EU ist und auch nicht auf Europa zugeschnitten ist. Veranstalter ist die Europäische Rundfunkunion (oder European Broadcasting Union – EBU), ein Zusammenschluss von 75 Rundfunkanstalten aus 56 Ländern. Sie wurde ursprünglich 1950 gegründet, um einen Austausch von hochwertigen Nachrichtenfilmen zu ermöglichen. 1953 wurde die Krönung von Elisabeth II. als erste internationale Livesendung durch die EBU übertragen. Was heißt das? Nun, es könnte gut sein, dass wir in den nächsten Jahren einen Beitrag aus Ägypten oder Tunesien hören, denn die beiden Länder sind auch Mitglied der EBU. Bisher war die Teilnahme Marokkos im Jahr 1980 die erste und einzige Teilnahme eines arabischen Landes. Aserbaidschan hat übrigens 2011 erst die vierte Teilnahme zu verzeichnen und ist bisher damit sehr erfolgreich: Auf drei Top Ten-Platzierungen folgte am Samstag der erste Sieg. Der Libanon übrigens wollte einmal teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, den israelischen Beitrag nicht ausstrahlen zu müssen – dieser Regelverstoß wurde nicht gestattet. Vielleicht erwartet uns in Baku aber auch ein Beitrag aus der Vatikanstadt… ein rockender Papst? Das würde zumindest zum modischen Bewusstsein von Benedikt XVI. passen.
3. Beim ESC gibt es keine gute Musik.
Zugegeben: Die großen Musicalballaden und langen, wallenden Kleider sind nicht unbedingt jedermanns Geschmack. Auch die teilweise sehr speziellen Beiträge (Lordi, die moldawischen Zwerge aus diesem Jahr, Guildo-der-euch-lieb-hat…) sind musikalisch und optisch meist sehr polarisierend. Nichtsdestotrotz hat der ESC einige Künstler und Songs hervorgebracht, die für uns heute unvergesslich sind. Erfolgreichstes Beispiel ist der italienische Beitrag von Domenico Modugno aus dem Jahr 1958: „Nel blu dipinto di blu“ oder einfach nur „Volare“ wurden unter anderem von Musikgrößen wie Paul Anka und Dean Martin interpretiert. ABBAs „Waterloo“ aus dem Jahr 1974 bleibt unvergesslich und nicht nur „Ein bißchen Frieden“ ist ein klassischer deutscher ESC-Ohrwurm, auch Dschinghis Khan (mit „Dschinghis Khan“) sind 1979 beim ESC aufgetreten – heute ist der Song von kaum einer Après-Ski-Party wegzudenken. Aber zwei wirklich schöne Popsongs brachten Katrina and the Waves mit „Love Shine a light“ und die Olsen Brothers „Fly On The Wings Of Love“ hervor.
Auch „Running scared“ hat diese Ohrwurm-Qualitäten – Ell und Nikki wäre ein internationaler Erfolg zu gönnen. Die beiden hatten sich erst in der aserbaidschanischen Vorentscheidung kennen gelernt, als sie jeweils mit einem eigenen Beitrag antreten wollten. Ganz Understatement haben sie im Vorfeld auch nur einen einzigen Song aufgenommen – über ein Album, eine Tour und eine musikalische Zukunft des Duos dachte noch niemand nach. Wir dürfen auch sehr darauf gespannt sein, wie sich Aserbaidschan im nächsten Jahr als Gastgeber präsentiert, sowohl optisch als auch politisch. In diesem Sinne: Tebrik Ederim – herzlichen Glückwunsch, Aserbaidschan! Wir freuen uns auf Baku 2012!










Aufschlussreicher Artikel. Sicher nicht verkehrt, sich damit näher zu beschaeftigen. Werde gewiss weitere Posts im Auge behalten.
Freut uns das zu hören. Wi wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß auf unserem Blog.
Ihr Team vom Kameha Grand Bonn